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Am lived/space/lab des IGTG fand auch im Sommersemester 2013 wieder eine Kooperation zwischen der UdK Berlin und dem Bezirk Lichtenberg statt. Nach der "experimentellen Beteiligung" einzelner lokaler Experten im Seminar STADT (ER)FINDEN (2012/2013) ging es diesmal darum , einen zentralen, öffentlichen Ort im Sanierungsgebiet Frankfurter Allee Nord durch eine temporäre Zweckentfremdung zu transformieren: Gemeinsam mit Akteuren und Anliegern war für den Lichtenberger Roedeliusplatz eine situative Inszenierung zu entwickeln, die als immersives Ereignis am 21. Juni von allen Bewohnern und Besuchern des Stadtteils erfahren werden konnte.

 

METHODE / HINTERGRUND

Geschichte: Der Roedeliusplatz (bis 1936 Wagnerplatz genannt) liegt zentral im Sanierungsgebiet Frankfurter Allee Nord in Alt-Lichtenberg – und sollte ursprünglich auch dessen urbanes Zentrum werden. Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Bau von Kirche (1903-1905) und Amtsgericht (1906) als mutige Landnahme auf der grünen Wiese begann, wurde jedoch nie ganz vollendet: Die vierte, nördliche Platzseite konnte erst in den dreißiger Jahren geschlossen werden, und die Einnistung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im westlich des Platzes gelegenen Finanzamtsgebäude sorgte bis 1989 für eine bleierne Leere auf der viel zu weiten Straßen- und Platzfläche.

 

Situation: Ein Zentrum, das keine Zentrumsfunktion besitzt, erscheint symptomatisch für einen Stadtteil, der zwar relativ nahe an der historischen Stadtmitte liegt, aber eben nicht mehr in der Inneren Stadt des S-Bahn-Rings. Allerdings befindet sich dieser Stadtteil heute mitten in einem dynamischen Transformationsprozess, der ihn insgesamt näher ans Zentrum und derzeit unmittelbar in den Fokus der gesamtstädtischen Entwicklung rückt: Steigende Mieten und ein enger Wohnungsmarkt erhöhen Lichtenbergs Attraktivität für Familien und junge Menschen, die in den benachbarten Innenstadtbezirken keine Wohnungen mehr finden oder bezahlen können.

 

Akteure: Auch, wenn der Roedeliusplatz heute leer oder sogar „tot“ erscheint (Zitat), lohnt daher eine genauere Untersuchung seiner performativen Potenziale. Schließlich sind mit Amtsgericht, Finanzamt, Gefängnis und Gemeindezentrum gleich vier öffentliche Einrichtungen am Platz vertreten, an seinem östlichen Rand befinden sich ein Kindergarten, eine Apotheke und eine Gaststätte, und etwas weiter südwestlich, in der Magdalenenstraße, entsteht derzeit ein alternatives Wohnprojekt in einem ehemaligen MfS-Plattenbau. Die Kirche ist heute Sitz der koptischen Gemeinde in Berlin, und unmittelbar hinter dem Blockrand an der Magdalenenstraße liegt das heute zur Aufarbeitung und als Gedenkstätte genutzte ehemalige Machtzentrum des DDR-Überwachungsapparates, dessen öffentliche Räume sich, wenn es nach dem Wunsch der Stasi-Unterlagenbehörde geht, bald in einen lebendigen „Campus der Demokratie“ verwandeln sollen.

 

Experiment: Im Seminar erhalten all diese Anlieger Gelegenheit, ihre Anliegen vorzubringen – und werden, wenn sie dies wünschen, in eine gemeinsame Inszenierung eingebunden, die den Platz und seine Gegebenheiten an einem bestimmten Tag (dem 21.6.2013) überschreitet. Im Rahmen einer kollektiven Zweckentfremdung werden sich Dinge auf der Platzfläche ereignen, die sonst hinter verschlossenen Türen stattfinden: Es kann gewohnt, gearbeitet, gespielt und gegessen werden, vielleicht auch gebadet, gefeiert oder gesungen. Private und teilprivate Handlungsräume verlagern sich so in den urbanen Raum, und öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich auf sonst verschlossene Türen.

 

Methode: Die Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen erarbeiteten diese Inszenierung in mehreren Schritten. Nach einer Ortsbegehung suchten sie Kontakt zu einem konkreten lokalen Akteur und fanden in einem qualitativen Interview heraus, was dessen alltäglicher Handlungsraum für Tätigkeiten beinhaltet. Das auf diese Weise erworbene Wissen wurde zum Gegenstand eines gemeinsamen Wissens-Pools, aus dem erste Ideen für die temporäre Transformation des Platzes entwickelt wurden. In einer Zwischenpräsentation am 28.05. wurden die ausgearbeiteten Vorschläge den lokalen Kooperationspartnern und verschiedenen Fachexperten vorgestellt. Die letzte Phase, in die das Feedback aus der Zwischenpräsentation einflloss, diente der Ausarbeitung der Ideen und der gemeinsamen (zeitlichen und räumlichen) Choreografie aller Inszenierungen.